Holocaust an Sinti und Roma - Diskriminierung bis heute?

Helene Gomse, Mitarbeiterin des Landesverbandes der Sinti und Roma, besuchte Geschichts- und Sozialkundekurs

Andernach. Ausgrenzung, Verfolgung und Völkermord - im nationalsozialistischen Deutschland erlitten Sinti und Roma dasselbe Schicksal wie die Juden. Und die Verfolgung wurde in der jungen Bundesrepublik über lange Jahre hinweg höchstrichterlich als "nicht rassistisch" beurteilt, als "kriminalpräventive Deportation" - die Diskriminierung war mit dem Ende der NS-Herrschaft nicht beendet ... Wer im heutigen Deutschland weiß etwas über die Geschichte dieser Minderheit in Deutschland? Auf Initiative von Karin Keelan, Lehrerin am BvS und im Bündnis für Frieden und Demokratie Remagen engagiert, besuchte Helene Gomse, wissenschaftliche Mitarbeiterin des rheinland-pfälzischen Landesverbandes der Sinti und Roma, Geschichts- und Sozialkundekurse der MSS 13 am Andernacher Bertha-von-Suttner-Gymnasium. Mit Bildern und Schicksalen verfolgter Kinder im "3. Reich" beeindruckte die Referentin die angehenden Abiturienten: so mit Farbfilmaufnahmen von 1943; weil die Eltern schon ins Konzentrationslager deportiert waren, wurden die dann "elternlosen Kinder" in ein Kinderheim verbracht und dort im Rahmen einer Dissertation 1943/44 untersucht. Die Untersuchung wurde benutzt, um die Zwangssterilisation aus "rassehygienischen Gründen" zu fordern. Die Scheinwissenschaftlichkeit des NS-Rassismus erschreckte - und genauso erschütternd, dass die Promotion auch nach dem 2. Weltkrieg nicht aberkannt wurde, die Verfasserin unbehelligt Karriere machen konnte. Zur Zwangssterilisierung kam es nicht: Der sogenannte Auschwitzbefehl vom Chef der SS Heinrich Himmler vom Dezember 1943 sorgte dafür, dass 1944 von den untersuchten 29 Kindern 25 in den Gaskammern von Auschwitz ermordet wurden.

Frau Gomse hatte Deportationslisten aus Koblenz mitgebracht. In den Kopien suchend, stellten die Schüler mit Erschütterung fest, dass auch aus der direkten Umgebung Sinti in die KZ transportiert wurden, dass zweijährige Kinder auf den Listen standen, die den Weg zur Ermordung organisierten. Erst seit den 70er-Jahren rückte im Zusammenhang der Bürgerrechtsbewegung auch das Schicksal der Sinti und Roma in Deutschland etwas in die Öffentlichkeit, erst 1982 wurde der Völkermord durch die Bundesrepublik anerkannt. Seit dieser Zeit arbeiten der Zentralrat und die Landesverbände der Sinti und Roma, um die Erinnerung wach zu halten und gegen die auch noch heute verbreitete strukturelle und alltägliche Diskriminierung zu wirken. Beispielhaft dafür der Fall Kaufhausdetektivs, dem gekündigt wurde, nachdem der Chef erfahren hatte, dass er "Zigeuner" sei. Für das BvS war der beeindruckende Besuch von Frau Gomse eine Veranstaltung, um als Mitglied in der Initiative "Schule mit Courage - Schule ohne Rassismus" immer wieder daran zu arbeiten, Diskriminierung und Rassismus zu überwinden.

Blick aktuell vom 14.2.2017