Diskussion am Bertha-von-Suttner-Gymnasium: Landespolitiker liefern sich Schlagabtausch

Andernach. Mit Donald Trump wird erstmals ein politisch völlig unerfahrener, fast nur auf Demagogie und Populismus setzender Präsident ins Weiße Haus einziehen: Dass die Welt gestern - an einem 9. November - aufgrund dieser für viele schockierenden Nachricht aus den USA den Atem anhielt, das ging auch an der Diskussionsrunde mit Schülern nicht vorbei, zu der die Landtagsabgeordneten Hedi Thelen (CDU), Uwe Junge (AfD) und Marc Ruland (SPD) ins Bertha-von-Suttner-Gymnasium (BvSG) kamen.

"Erste Analysen zeigen offenbar: Die Jungen haben überwiegend demokratisch gewählt, mit zunehmendem Alter haben sich die Wähler eher für Trump entschieden", sagte Thelen, die seit 1996 im Landtag sitzt. Dies korreliere mit politischen Einstellungen im Osten Deutschlands, wo sich ebenfalls vor allem Ältere von Emotionen, Angst und dem Gefühl, ihnen werde etwas weggenommen, leiten ließen. Dem hielt der Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion Junge gleich entgegen: Man müsse aufpassen, dass nicht demokratisch legitimierte Entscheidungen angezweifelt würden "nur, weil sie dem Establishment nicht passen."

Diese Tendenz habe sich im Umgang mit dem Brexit-Votum und den Wahlerfolgen seiner Partei bereits gezeigt.

Eigentlicher Anlass und Gegenstand des Austauschs zwischen Schülern und Politikern war jedoch, langjähriger Tradition folgend, der 9. November als "Schicksalstag" in der deutschen Geschichte. Auf den Zusammenhang zwischen der Pogromnacht am 9. November 1938 und der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit, besonders in den östlichen Bundesländern zielte, daher nach der Begrüßung durch Schulleiter Ulrich Hotz eine der Eingangsfragen der Schüler ab, die Thelens Vergleich und Junges Replik hervorrief.

Den staatlich organisierten Pogrom und die durch Ängste ausgelösten Proteste gegen die Asylpolitik dürfe man nicht gleichsetzen, fügte der AfD-Mann hinzu. Dies bescherte ihm gleich die kritische Nachfrage einer Schülerin: "Sind denn brennende Flüchtlingsheime ein Zeichen von Angst?" Nein, das gehöre sich nicht, das seien Verbrechen, entgegnete Junge. Dies gelte aber genauso für Übergriffe seitens Linksradikaler, nahm er Bezug auf einen nächtlichen Angriff im August in Mainz, bei dem er selbst eine Jochbeinfraktur erlitt.

Solche Attacken auf Politiker seien zu verurteilen, betonte der Andernacher SPD-Abgeordnete Marc Ruland. Es sei jedoch unangebracht, ein persönliches Schicksal, wie es Junge erlitten habe, auf eine Ebene mit brennenden Flüchtlingsheimen zu stellen. Ihm und seinen Parteikollegen hielt er vor, die Gesellschaft spalten zu wollen und versuchte, dies mit einem Zitat zu belegen: Ministerpräsidentin Malu Dreyer sei von der AfD sinngemäß als Volksverräterin bezeichnet worden, und eine solche Wortwahl sei Gift für die politische Debatte im Land.

Ähnlich kontrovers ging es auch in anderen Themenfeldern zur Sache, die durch von den Schülern formulierte Fragen vorgegeben wurden. In Sachen Bildungspolitik stellten die drei Abgeordneten die unterschiedlichen Ansätze ihrer Parteien heraus. Ehe Hedi Thelen dazu kam, die Stärken des dualen Ausbildungssystems in Deutschland zu loben, gerieten Uwe Junge und Marc Ruland persönlich aneinander. "Herr Ruland hat noch nie gearbeitet", hielt der Offizier a.D. seinem Landtagskollegen Distanz zur Lebenswirklichkeit vieler Bürger vor. Das wollte der Angegangene nicht auf sich sitzen lassen und bezeichnete die Äußerung "bodenlose Respektlosigkeit".

Sehr umfassend bis ausschweifend waren viele Antworten der Politiker. So musste nach gut eineinhalbstündiger Diskussion die abschließende Runde mit individuellen Fragen der Schüler relativ knapp ausfallen.

Michael Fenstermacher, Rhein-Zeitung vom 09.11.2016 (online)